Kontakt zu den Eltern abbrechen – oder nicht?
Wenn die Entscheidung sich nicht richtig anfühlt – egal, wie du dich entscheidest.
Neulich im Gespräch mit einem Klienten…
„Ich denke schon so lange darüber nach, den Kontakt zu meiner Mutter abzubrechen…
… Aber jedes Mal, wenn ich denke: Jetzt mache ich es, kommen sofort diese Zweifel. Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht hätte ich noch mehr versuchen müssen. Sie ist schließlich meine Mutter. Und was, wenn ich es später bereue? Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, wie lange ich diesen Kontakt noch aushalte.“
— Okay. Gehen wir rein:
Gedanken-Twist: Was, wenn du nicht zuerst entscheiden musst, ob du den Kontakt abbrichst? Sondern erst einmal verstehen darfst, was dieser Kontakt eigentlich mit dir macht.
Kontaktabbruch zu den Eltern – eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand
Soll ich den Kontakt zu meiner Mutter / meinem Vater abbrechen? Oder zu beiden?
Eine der schwierigsten und weitreichendsten Entscheidungen, die ein erwachsenes Kind treffen kann – egal wie alt. Diese emotionale Verwundbarkeit, diese Zerrissenheit, dieser Unglaube, dass das alles tatsächlich passiert, das ist fast nicht auszuhalten. Es ist kompliziert, es ist beängstigend, es ist lähmend, es ist – manchmal – alternativlos.
Wenn Kopf und Körper unterschiedliche Sprachen sprechen
Wir lernen: Eine weitreichende Entscheidung muss gut durchdacht sein. Im besten Fall mit verschiedenen Meinungen abgeglichen, das Für und Wider ordentlich abgewogen, um dann mit klarem Verstand die Entscheidung zu treffen. So macht man das. Wunderbar. Pustekuchen!
In dieser Situation fahren Herz und Verstand Achterbahn und die streitenden Stimmen in Herz und Kopf überschreien sich gegenseitig. Nix mit kühlem Kopf.
Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Kontakt zur Mutter oder zum Vater nach gut durchdachtem Kalkül abgebrochen wurde. Im Gegenteil. Meist entsteht die Entscheidung aus einer so großen Not heraus, dass der Körper entscheiden muss.
Kopf
„Aber das ist deine Mutter! Was bist du nur für ein Mensch, dass du ihr DAS antun willst!“
„Das ist böse, egoistisch, schrecklich!“
„Sowas macht man nicht! Das ist Familie und Familie ist das Wichtigste!“
„Das wird niemand verstehen. Wie willst du das jemals erklären?“
„Deine armen, armen Eltern …“
„Was bitte war denn so schlimm? Sie haben ihr Bestes getan!“
„Ich übertreibe. Es gibt doch viel schlimmere Schicksale …“
Körper
„Es tut so weh.“
„Ich weine.“
„Ich zittere.“
„Ich habe Angst. Ich schaffe es einfach nicht, anzurufen.“
„Wenn ich noch einmal ihre Stimme hören muss, breche ich zusammen.“
„Ich bekomme eine Panikattacke, wenn ich an Weihnachten denke.“
„Ich fühle mich so schlecht, so, so schlecht …“
Ich meine, wie soll man bei diesen chaotischen Meldungen eine fundierte Entscheidung treffen?
Wenn die innere Not immer größer wird
Mhmmm … ehrlicherweise wird der Körper nicht leise werden. Der Kopf zwar auch nicht, aber der Körper sitzt am längeren Hebel. Denn wenn wir nicht auf all die Ängste, Panik, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Wut und Traurigkeit hören, kann uns das auf Dauer belasten und krank machen.
„Geh du vor“, sagte die Seele zum Körper, „auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf dich.“
„Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für dich haben“, sagte der Körper zur Seele.
Diesen emotionalen Stress Jahr für Jahr zu ertragen ist nicht unmöglich, aber er fordert seinen Tribut. Klar, wir können all die Gründe, die uns der Kopf sagt, voranstellen, den Kontakt unverändert halten.
Aber dann … was dann? Wie geht es dir damit?
Wenn der Körper seine Grenzen zeigt.
Es kann sein, dass auch nach einem Kontaktabbruch durch die emotionale Erschöpfung ein Tief auf uns wartet, dass wir krank werden. ABER wir haben dann die Chance, den Raum, uns um uns zu kümmern. Das Chaos zu erkennen, anzunehmen und langsam zu versuchen, aufzuräumen.
UND ein Kontaktabbruch muss es ja auch gar nicht immer sein. Vielleicht ginge ja auch ein klares Wort, eine neue Grenzsetzung, Themen- oder Konfliktvermeidung …
Oder muss es doch die komplette Distanz sein?
Vielleicht, weil die eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse beharrlich ignoriert werden. Oder auch, weil keine Kraft mehr da ist, um diese immer wieder zu verteidigen, auf der Hut zu sein, um nicht wieder in alte Fahrwasser zu geraten.
Oder auch, weil von klein auf gelernt wurde, dass es keinen Sinn hat, über die eigenen Gefühle zu sprechen – sie werden negiert, lächerlich gemacht oder als Plattform für das eigene Drama genutzt.
Es ist vielseitig, weshalb das Verteidigen der eigenen Grenzen manchmal keine Option mehr ist.
Wenn der Körper seine Grenzen zeigt.
Welcher Weg für dich der Richtige ist, wird dir nicht allein dein Körper sagen. Aber er kann dir sehr deutlich zeigen, wo deine Grenzen liegen.
Deine Erschöpfung. Deine Angst. Dein „Ich kann einfach nicht mehr“. Diese Signale solltest du ernst nehmen. Nicht als alleinige Grundlage für eine Entscheidung, sondern als wichtige Hinweise darauf, was gerade mit dir passiert und was du brauchst.
Diese Entscheidung „Kontaktabbruch – ja oder nein?“ ist eben eine Notbremse. Es ist ein Rückzug in einen Schutzraum. Um zur Ruhe zu kommen, durchzuatmen, sich zu besinnen.
Du musst deine Entscheidung nicht rechtfertigen.
Du musst nicht fundiert und von allen verstehbar deinen Schmerz auffächern und in der Defensive dich erklären! Wer verstehen möchte, kann danach fragen und dir ein Angebot machen ZUZUHÖREN.
Du musst auch nicht erklären, indem du allgemeingültige, gesellschaftlich anerkannte, legitime Gründe für deinen Kontaktabbruch findest.
Damit andere deine Entscheidung abnicken. Es sind deine Gründe. Das reicht.
Und du musst auch nicht die Verantwortung für andere Familienmitglieder übernehmen – dafür, wie sie damit dann wohl umgehen. Deine Verantwortung liegt bei dir und deinem Handeln. Alle anderen werden so oder so auf ihre eigene Weise handeln und reagieren – das kannst du kaum beeinflussen. Es liegt in ihrer Verantwortung.
Kontaktabbruch: Für immer oder nur auf Zeit?
Du musst auch keinen langfristigen Plan haben.
Es kann für immer sein. Es kann eine Pause sein. Du kannst auch nach einer Ruhephase wieder ein Kontaktangebot machen. Du darfst deine Meinung ändern.
Natürlich ist durch den Abbruch etwas zerbrochen, etwas kaputt gegangen.
Eltern können z.B. mit Wut und Enttäuschung reagieren und erwarten, dass ausschließlich mit 100 Kniefällen und Entschuldigungen ein „Neuanfang“ gestartet werden kann (was by the way kein Neuanfang wäre, sondern the same old story) oder aber auch deine Eltern begreifen, dass im Bruch eine Chance steckt, um auf einer neuen Basis eine andere Art der Beziehung aufzubauen. Aber dafür ist eine Menge Reflexion notwendig…
Also wie schlussendlich deine Eltern reagieren, liegt nicht unter deiner Kontrolle – es ist ihrer Entscheidung und Verantwortung.
Wie teile ich meinen Eltern den Kontaktabbruch mit?
Du musst auch kein Gespräch zum Kontaktabbruch führen.
Wenn es dir möglich ist, wenn es dein Wunsch ist, dann mach das. Überlege vorab genau, welche Punkte du ansprechen willst und was Red Flags sind und wie du mit ihnen umgehen willst.
Du kommst jedoch nicht umhin, den Kontaktabbruch zu kommunizieren – wie wäre es mit einem Brief? Hier kannst du in Ruhe deine Gedanken formulieren und bist vor der ersten Reaktion geschützt. Es ist Raum zwischen dir und deinen Eltern und beide Seiten haben die Möglichkeit, überlegter als in der direkten Konfrontation damit umzugehen.
Wenn deine Eltern mit Vorwürfen reagieren
Was du musst – ja, es ist ein Müssen – ist, dich mit aller Klarheit, die dir möglich ist, um dein Wohlbefinden zu kümmern! Habe eine klare Vorstellung von dem, was du brauchst. Mach dir darüber vorab Gedanken, denn umso sicherer bist du, wenn bittende, aggressive, weinende, fordernde oder vorwurfsvolle Reaktionen kommen.
Finde deinen Safe Space und von dort aus bestimmst du – ganz allein du – was du wann und wie kommunizierst.
Die Frage, die weiterhilft, wenn „richtig oder falsch“ nicht weiterhilft
Vielleicht gibt es auf die Frage „Soll ich den Kontakt zu meinen Eltern abbrechen?“ keine allgemeingültige Antwort. Denn nicht jeder schwierige Kontakt braucht einen endgültigen Bruch.
Die wichtigere Frage ist deshalb vielleicht nicht: „Ist ein Kontaktabbruch richtig oder falsch?“. Sondern: „Wie geht es mir mit dieser Beziehung?“ Was passiert in mir vor, während und nach Begegnungen mit meinen Eltern? Was kostet mich dieser Kontakt? Welche Grenzen werden immer wieder überschritten und was brauche ich?
Und vielleicht auch: Was würde sich verändern, wenn ich mich selbst mit meinen Bedürfnissen genauso ernst nehmen würde wie die meiner Eltern?
Vielleicht kennst du die Antworten schon. Vielleicht sind sie aber auch noch widersprüchlich. Nimm dir Zeit, deine Situation anzuschauen.
Familiäre Selbstbestimmung bedeutet nicht, sich grundsätzlich gegen die eigenen Eltern zu entscheiden. Sie bedeutet, eigene, für andere auch unbequeme Entscheidungen treffen zu dürfen.
Und manchmal beginnt diese Selbstbestimmung nicht mit dem Kontaktabbruch. Sondern damit, überhaupt einmal auszusprechen, was in dieser Beziehung mit dir passiert.
***
So weit von mir, bis bald – und sei gut zu dir,
Annett.
Dein Leben. Deine Grenzen. Deine Freiheit.
