Loslassen nach Kontaktabbruch
Der Mythos vom inneren Om… Warum Loslassen sich nicht wie Frieden anfühlt – und warum das okay ist.
Neulich im Gespräch mit einem Klienten…
„Wann bin ich denn endlich durch mit dem Thema? Wann höre ich auf immer wieder an ihn zu denken?…
… Ich denke an meinen Vater, ich vermisse, ich grüble über das, was war, und ob ich doch anders hätte… Es ist SO anstrengend, dieser Kontaktabbruch. Und ich will eigentlich doch nur Frieden und Ruhe. WANN hört das endlich auf?“
— Okay. Gehen wir rein:
Gedanken-Twist: Was wenn Loslassen gar nicht das Ziel ist?
Den Kontakt abzubrechen ist alles andere als ein inneres OM. Es ist jeden Tag eine Entscheidung dafür oder dagegen. Jeden Tag ein innerer Dialog – mal mehr, mal weniger intensiv. Du wartest auf den Tag, an dem es aufhört. An dem du an deine Mutter / deinen Vater denkst und nichts mehr zieht. An dem der Kontaktabbruch sich anfühlt wie eine abgeschlossene Akte statt wie eine offene Wunde, die du jeden Morgen neu verbindest.
Diesen Tag wird es nicht geben. Und das ist keine schlechte Nachricht – auch wenn es sich gerade so anfühlt.
„Loslassen“ klingt nach etwas, das man einmal tut und dann hinter sich hat. In Wirklichkeit ist es das Gegenteil: eine Entscheidung, die du täglich neu triffst. Manchmal laut und mit Tränen, manchmal so leise, dass du sie kaum bemerkst. Das ist kein Zeichen, dass du es falsch machst. Das ist der Job.
Es heißt ja immer „Du musst loslassen“ oder „Du musst weitergehen“… puh. Allein diese Aussagen setzen unter Druck, denn sie suggerieren, dass du immer noch etwas falsch machst, wenn du an deine Eltern denkst, zweifelst, sie vermisst. Aber weißt du was: Das ist Blödsinn. All dieses Müssen und Optimieren und Herauskehren des inneren Buddha ist vielleicht in der Theorie eine tolle Idee, aber es ist unmenschlich – und das Gefährliche daran: Du verurteilst dich einmal mehr, wenn du an diesen unmöglichen Maßstäben scheiterst. Alle sagen dir, du sollst loslassen, weitergehen, nach vorne schauen. Diese Sätze klingen nach Fortschritt, sind aber oft nur Druck in freundlicher Verpackung – sie unterstellen dir, dass Zweifel, Sehnsucht, Trauer ein Fehler sind, den du behebst, sobald du dich genug anstrengst. Das stimmt nicht. Du bist kein Projekt, das fertiggestellt werden muss.
Frag dich stattdessen: Warum hast du den Kontakt beendet? Vermutlich, weil da Erwartungen waren, die dich nicht als Person gesehen haben – nur als jemanden, der zu funktionieren hat. Und wäre es nicht bitter, dich mit aller Kraft daraus zu befreien, nur um dir anschließend – diesmal freiwillig – wieder Erwartungen zu suchen, die genauso wenig Rücksicht auf dich nehmen?
Du bist kein Mensch mit Reset-Knopf. Alles, was du in 20, 30, 40 Jahren erlebt, gehört, geschluckt hast, ist Teil von dir. Es zu ignorieren würde all das nicht kleiner machen. Also zweifelst du. Trauerst um eine Familie, die es so nie gab. Bist wütend über das, was du entbehrt hast. Und hast Angst vor einer Zukunft ohne das, was andere selbstverständlich haben. Das ist keine Schwäche – das ist die logische Reaktion eines Menschen auf einen Verlust, der real ist, auch wenn niemand einen Kranz dafür schickt.
Was dir trotz des Kontaktabbruchs gehört
Trotzdem, drei Dinge, die dir gehören und die dir niemand nehmen kann:
- Du entscheidest über deinen Anteil – nicht über den der anderen. Was der Kontaktabbruch heute bedeutet, liegt nicht allein bei dir. Du trägst deinen Teil. Deine Eltern tragen ihren.
- Die Tür ist nicht zugeschweißt. Wenn du dem Kontakt je wieder eine Chance geben willst, kannst du das – aber nur, wenn du vorher ehrlich mit dir bist: Was sind deine Grenzen? Wo hört Sicherheit auf und Angst an? Das herauszufinden ist Arbeit, keine spontane Entscheidung. Hol dir dabei Hilfe.
- Was du gerade aufarbeitest, endet nicht bei dir. Die Muster, an denen du dich abarbeitest, sind über Generationen gewachsen. Dass du sie überhaupt siehst, ist schon die Arbeit – für dich, und für alle, die nach dir kommen.
Es gibt keine Frist, bis zu der du „durch“ sein musst. Jeder verarbeitet in seinem Tempo, und das Einzige, was wirklich zählt, ist, dass du dabei nicht allein bist – ein Mensch, dem du vertraust, reicht.
Du musst nicht irgendwann „durch“ sein
Du wirst weiter an deine Eltern denken. Weiter zweifeln, vermissen, manchmal auch zurückwollen. Die Verbindung zur Herkunftsfamilie verschwindet nicht, nur weil der Kontakt es tut. Zu erwarten, dass sie dich irgendwann nicht mehr beschäftigt, ist eine Fantasie.
Aber genau das macht dich nicht schwach. Es zeigt, dass du reflektierst, statt zu verdrängen. Dass du auf dich achtest, statt weiter etwas zu ertragen, das dir nicht guttut. Das ist kein Zustand, den du erreichen musst. Das ist bereits, wer du bist.
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So weit von mir, bis bald – und sei gut zu dir,
Annett.
Dein Leben. Deine Grenzen. Deine Freiheit.
