Kontaktabbruch zu den Eltern – Was sage ich, wenn mich jemand fragt?
„Und, wie geht’s deinen Eltern?“ – Was du niemandem schuldest
Neulich im Gespräch mit einer Klientin…
„Ich treffe eine gute Bekannte und sie fragt, wie es meinen Eltern geht…
…eine echt unangenehme Situation. Was sage ich denn jetzt? Mal eben zwischen Rewe und Bushaltestelle, DAS Thema Kontaktabbruch aufmachen? Lügen find ich auch nicht so gut, generell nicht… und ich will eigentlich ja auch dazu stehen bzw. mich darin üben. Aber das Gesprächsumfeld ist auch mehr als ungünstig, zumal das Thema ja nun wirklich nicht in 2 Sätzen erschöpfend erklärt ist. Muss ich mich überhaupt erklären? Mal ganz abgesehen von der für mich unvorhersehbaren Reaktion meiner Bekannten, die schlimmstenfalls – nach Murphys Law – mit dem Eintreffen des Busses und der „Ciao, ich muss jetzt einsteigen“-Phrase eintritt.„
— Okay. Gehen wir rein:
Gedanken-twist: Du schuldest niemandem die Wahrheit über deine Eltern
Muss ich ehrlich sein?
Kurze Antwort: Du musst gar nichts.
Die etwas längere: Ob du ehrlich bist, hängt nicht davon ab, was „richtig“ wäre, sondern davon, ob es dir hilft. Sonst nicht. Punkt.
Warum eine Notlüge hier okay ist
Lügen ist ein großes Wort. Nehmen wir das kleinere: Notlüge. Die ist nicht automatisch etwas Schlechtes – sie entsteht aus einer Not, und die ist hier real: die Not des Themas selbst, und die Not, dich zu schützen.
Die eigentliche Frage dahinter lautet: Wer steht da vor mir? Habe ich Vertrauen in diese Person? Eine Bekannte ist per Definition keine enge Freundin – ihr fehlt meist das Vertrauen, das so ein Thema braucht. Kein Vertrauen heißt: keine Offenlegung. So einfach.
Meistens ist die Frage sowieso nur Türöffner für Smalltalk – eine Floskel wie „Wie geht’s dir?“, auf die auch niemand die ganze Wahrheit der letzten Wochen erwartet. Ein „Gut, danke“ ist in so einem Rahmen keine Lüge, die dich etwas kostet. Es ist einfach angemessen.
Anders sieht es aus, wenn die Person durch eure gemeinsame Geschichte ein echtes, ehrliches Interesse hat. Dann wiegt der Gedanke „Ich will mich nicht verleugnen“ schwerer. Aber selbst dann bleibt das Problem: Rewe-Kasse und Bushaltestelle sind kein guter Rahmen, und du bist in dem Moment nicht darauf vorbereitet. Und dein Gegenüber sehr wahrscheinlich auch nicht auf die ehrliche Antwort.
Wenn sich die Notlüge trotzdem falsch anfühlt
Erstmal durchatmen. Zwei gute Nachrichten: Du musst niemandem eine Antwort geben, mit der er zufrieden ist. Und: Du hast den ganzen Spielraum – die Verantwortung liegt allein bei dir.
Horch kurz in dich rein: Geht es dir gut mit der Frage, gerade jetzt?
Nein? Dann beantworte sie nicht – egal, wer da vor dir steht. Deine emotionale Sicherheit hat Priorität, nicht die Erwartung von Höflichkeit. Zum Beispiel so: „Das kann ich dir gar nicht so genau sagen. Aber sie freuen sich bestimmt, wenn du dich mal direkt bei ihnen meldest.“ Keine Lüge – und meistens auch der Punkt, an dem das Thema von selbst wechselt. Falls nicht, hilft oft eine Gegenfrage: Die meisten Menschen reden liebend gern über sich selbst. „Aber sag, wie geht’s dir und den Kindern?“
Ja? Dann reicht auch eine kurze, klare Antwort: „Das kann ich dir nicht sagen, wir haben keinen Kontakt. Ich möchte aber nicht darüber sprechen.“ Mehr braucht es nicht. Fragt die Person trotzdem weiter nach und respektiert deine Grenze nicht, darfst du deutlicher werden: „Das ist wirklich kein Thema, das ich vertiefen möchte.“ Die Stille danach fühlt sich vielleicht unangenehm an – aber das liegt nur daran, dass wir Grenzen fälschlich für unhöflich halten. Sind sie nicht. Es ist ein Nein. Und ein Nein zu sagen, das haben wir mit dem Kontaktabbruch bereits in Großbuchstaben gelernt.
Und falls die Bekannte tatsächlich jemand ist, mit dem du dir Austausch wünschst? Dann darfst du auch dazu stehen: „Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern, da ist einiges passiert. Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen, dafür fehlt mir hier die Zeit und die Privatsphäre. Aber vielleicht können wir uns mal in Ruhe treffen?“
Worum es eigentlich geht
Du musst nichts. Du entscheidest, ob du das Thema ganz zulässt, in deinem Rahmen anreißt oder um ein eigenes Gespräch bittest.
Das Thema zwischen dir und deinen Eltern ist kein Smalltalk zwischen Tür und Angel. Es ist überhaupt kein Smalltalk. Es verlangt emotionale Balance, das Aushalten von Rückfragen und manchmal aktive Abgrenzung gegenüber Vorwürfen oder bloßer Neugier. Das darfst du dir nicht zwischen Einkaufswagen und Busfahrplan abverlangen, nur weil jemand fragt.
Du musst dich nicht rechtfertigen. Du entscheidest, wann, wie und mit wem du über deine Geschichte sprichst.
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Bis bald zum nächsten Gedanken-Twist.
Sei gut zu dir und bis bald,
Annett.
Dein Leben. Deine Grenzen. Deine Freiheit.
