Nach einem Kontaktabbruch zu den Eltern fragen sich viele Menschen: Was sage ich, wenn mich jemand danach fragt?
Neulich im Gespräch mit einer Klientin…
„Ich treffe eine gute Bekannte und sie fragt, wie es meinen Eltern geht…!“
…eine echt unangenehme Situation. Was sage ich denn jetzt? Mal eben zwischen Rewe und Bushaltestelle, DAS Thema Kontaktabbruch aufmachen? Lügen find ich auch nicht so gut, generell nicht… und ich will eigentlich ja auch dazu stehen bzw. mich darin üben. Aber das Gesprächsumfeld ist auch mehr als ungünstig, zumal das Thema ja nun wirklich nicht in 2 Sätzen erschöpfend erklärt ist. Muss ich mich überhaupt erklären? Mal ganz abgesehen von der für mich unvorhersehbaren Reaktion meiner Bekannten, die schlimmstenfalls – nach Murphys Law – mit dem Eintreffen des Busses und der „Ciao, ich muss jetzt einsteigen“-Phrase eintritt...
Gedanken-twist: Was sage ich nach einem Kontaktabbruch zu den Eltern?
Muss ich ehrlich sein?
Kurze Antwort: Du musst gar nichts.
Etwas längere Antwort: Wenn es deiner inneren Stärkung dient, kannst du ehrlich sein. Wenn nicht, dann nicht. Vor allem nicht bei einem so sensiblen Thema wie einem Kontaktabbruch zu Mutter und/oder Vater.
— Okay. Gehen wir rein:
Hier stecken gleich mehrere Themen drin:
- Lüge bzw. Notlüge
- Timing
- Offenlegen von Gefühlen (denn seien wir ehrlich: Wir können noch so cool schauen – wenn mein Gegenüber aufmerksam ist, ist der rosa Elefant zu sehen)
- Authentizität
- Eigenschutz
… und noch mehr, aber bleiben wir mal dabei.
Lügen ist ein großes Wort – nehmen wir die passendere und kleinere Variante: Notlüge. Diese ist nicht per se verwerflich, denn Sie entsteht aus der Not heraus. Not wiederum ist eine persönliche Definitionssache – hier in dieser Situation besteht definitiv eine Not. Die Not, die das Thema an sich mitbringt und die Not sich selbst zu schützen. Es ist eine Frage des Vertrauens und die Frage „Wer steht da vor mir?“. Habe ich Vertrauen in diese Person? Bin ich sicher bei ihr? Eine Bekannte ist per Definition keine Freundin und genießt daher meist nicht das lang gewachsene und notwendige Vertrauen. Daher ist es etwas ganz anderes eine Bekannte „not-anzulügen“ als eine enge Freundin. Heißt: Kein Vertrauen = keine Offenlegung der hochsensiblen Thematik!
Die Frage der Bekannten dient wahrscheinlich auch nur als Einstieg in einen kurzen Smalltalk. Die Frage ist dann eher eine Floskel, vergleichbar mit einem „Wie geht es dir?“, auf das man schließlich auch nur selten die gesamte Dramatik der letzten Wochen darlegt. Man stelle sich den entsetzen Ausruf: „Oh nein! Was ist denn nur passiert?!“, große Augen und den Griff ans Herz vor. Also, nein – die Notlüge namens: „Gut, danke“ ist in dieser Situation und Beziehung eine völlig legitime und angemessene Antwort.
Anders verhält es sich bei jemanden der aufgrund einer gemeinsamen Geschichte ein ehrliches Interesse an dem aktuellen Gemüts- und Gesundheitszustand deiner Eltern hat. Hier fällt vielleicht auch der Gedanke „Ich will mich nicht verleugnen“ stärker ins Gewicht.
Das Gesprächsumfeld und das Timing bleibt jedoch äußerst schlecht, und auch du, als Gefragte, bist in diesem Setting weder darauf vorbereitet noch in einer Umgebung, die es dir leichter macht, darüber zu sprechen. Was also tun, wenn eine Notlüge sich nicht richtig anfühlt?
Erst einmal durchatmen…
Die gute Nachricht ist: Du bist niemals verpflichtet, eine persönliche Frage so zu beantworten, dass dein Gegenüber zufrieden ist.
Und noch eine gute Nachricht: Du hast alle Handlungsspielräume und bist hier ausschließlich für dich verantwortlich.
Also horch kurz in dich rein: Geht es dir gut mit der Frage nach deinen Eltern?
Nein? Dann beantworte sie nicht – egal wer vor dir steht. Prio 1 = deine emotionale Sicherheit.
„Notlüge“ oder beantworte sie nur insofern, wie es sich für dich tragbar anfühlt. Ob dein Gegenüber damit zufrieden ist, du vermeintlich höflich oder unhöflich bist etc. spielt keine Rolle. Bleib bei dir. Wie wäre es zum Beispiel mit: „Das kann ich dir gar nicht so genau sagen. Aber weißt du was, sie freuen sich bestimmt, wenn du dich bei ihnen meldest und sie direkt fragst.“ Das ist keine Notlüge, aber sehr wahrscheinlich kommen so Nachfragen, dem kannst du mit einem Trick ausweichen: Die meisten Menschen lieben es, über sich selbst zu sprechen! Du könntest direkt mit einer Gegenfrage anschließen: „Aber sag, wie geht es dir und deinen Kindern? War da nicht mal…?“ Und schon bist du raus. Wenn nicht, dann lies mal weiter unten…
Fühlst du dich so weit stabil die Frage nach deinen Eltern zu beantworten?
Dann tu genau das! Eine kurze Antwort, wie: „Das kann ich dir nicht sagen, denn wir haben keinen Kontakt. Ich möchte aber nicht darüber sprechen.“ …reicht völlig aus. Sollte die Bekannte weiter nachfragen und sie deinen Wunsch/deine Grenzsetzung nicht respektieren (!), kannst du es noch einmal deutlicher formulieren: „Du, das ist für mich wirklich kein Thema, das ich vertiefen möchte, das verstehst du sicher.“… Ja, die Pause danach kann unangenehm sein, aber seien wir ehrlich, das liegt eher daran, dass wir meinen es wäre unhöflich. Ist es allerdings nicht! Es ist schlicht eine Aussage, die eine Grenze unterstreicht, die versucht wurde zu übergehen. Sie ist weder ein Angriff noch beleidigend. Es ist ein schlichtes „NEIN“, was wir lernen müssen zu sagen – und mit dem Kontaktabbruch bereits in GROSSBUCHSTABEN getan haben! Mit einem NEIN hören wir auf, uns an den Erwartungen anderer abzuarbeiten, sondern kennen unsere Bedürfnisse stehen für sie ein… aber das ist ein anderes Thema. Welches elementar ist, aber ein extra Gedanke sein sollte.
Zurück zu unserer guten alten Bekannten: Sollte diese nun aber aufgrund eurer gemeinsamen Geschichte genau die Person sein, der du mehr erzählen möchtest und mit der du dir einen Austausch wünschst, dann kannst du auch dazu stehen: „Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern, es ist einige passiert. Ich möchtest aber hier und jetzt nicht darüber sprechen, da fehlt mir die Zeit und die Privatsphäre. Ich würde mich aber freuen, wenn wir uns vielleicht mal treffen könnten? Was meinst du, wäre das für dich möglich?“
Es geht um deine Stabilität
Du siehst: Du musst nichts.
Du hast es in der Hand und kannst das Thema abschotten, in deinem gewählten Rahmen anreißen oder auch um ein Gespräch bitten.
Es geht hier um dich – und deine emotionale Stabilität darf an erster Stelle stehen.
Das Thema zwischen dir und deinen Eltern ist kein Smalltalk zwischen Tür und Angel. Es ist überhaupt kein Smalltalk.
Es erfordert von dir emotionale Balance, ein Darüber-reden-Können und -Wollen sowie das Ertragen von Rückfragen, das Aushalten emotionaler Reaktionen und schlimmstenfalls eine aktive Abgrenzung gegenüber Vorwürfen oder oberflächlichen, sensationslüsternen Nachfragen.
Du musst dich nicht rechtfertigen. Du darfst entscheiden, wann, wie und mit wem du über deine Geschichte sprechen möchtest.
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Bis bald zum nächsten Gedanken-Twist.
Sei gut zu dir und bis bald,
Annett.
Dein Leben. Deine Grenzen. Deine Freiheit.