Nach einem Kontaktabbruch zu Mutter oder Vater: Warum Schuldgefühle entstehen – besonders bei parentifizierten Kindern
Neulich im Gespräch mit einer Klientin…
„Immer wieder sind da diese überfallartigen Schuldgefühle…“
…ganz plötzlich spüre ich einen heftigen Schmerz in mir. Ich könnte in Tränen ausbrechen. Ich vermisse sie, trauere und verurteile mich gleichzeitig. Dann fühle ich mich klein, allein, böse und herzlos.
Meine Gedanken kreisen nur noch um meine Mutter: Wie geht es ihr damit? Was habe ich ihr angetan? Die Vorstellung, dass sie wegen mir leidet, ist kaum auszuhalten. Über allem steht wie ein riesiges Ausrufezeichen: DU BIST SCHULD!
Ich müsste doch nur wieder den Kontakt aufnehmen, lieb sein – und schon würde es ihr besser gehen. Das macht mich fertig, weil sich dieser Gedanke so tief in mir festgesetzt hat. Und gleichzeitig fühlt es sich richtig an, den Kontakt nicht mehr zu haben. Genau das verunsichert mich immer wieder aufs Neue.“
Die Verzweiflung ist spürbar.
Und gleichzeitig beeindruckt mich der Mut, den dieser Schritt gekostet haben muss. Wer von klein auf gelernt hat, sich für die Gefühle eines Elternteils verantwortlich zu fühlen, geht diesen Weg meist erst nach einem langen inneren Kampf.
— Okay. Gehen wir rein:
Gedanken-Twist: Schuld oder Selbstschutz?
Warum entstehen Schuldgefühle nach einem Kontaktabbruch zu den Eltern?
„Aber es ist doch deine Mutter!“ Ein Satz, der bei vielen Menschen sofort ein schlechtes Gewissen auslöst. Fast so, als würde allein die Tatsache, dass jemand unsere Mutter ist, jede weitere Frage überflüssig machen. Aber ist das wirklich so?
Wer hat eigentlich entschieden, dass Eltern wichtiger sind als ihre Kinder?
Ich drehe den Gedanken einmal um: Wenn zwei Menschen leiden – die Mutter und das erwachsene Kind – warum gilt das Leid der Mutter als wichtiger?
Warum wird so selbstverständlich erwartet, dass das Kind zurückgeht, obwohl genau diese Beziehung ihm vielleicht seit Jahren Kraft, Gesundheit und Lebensfreude nimmt? Ist das Mitgefühl – oder ist das eine Moral, die wir übernommen haben, ohne sie jemals zu hinterfragen?
Darfst du dein eigenes Wohlergehen über das deiner Mutter stellen? Vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage…
Denn die spannendere lautet doch: Warum glaubst du, dass du das nicht dürftest? Denn genau darüber wird seit Jahrhunderten diskutiert: Wo endet Mitgefühl und wo beginnt Selbstaufgabe? Tragen wir Verantwortung für das Leid anderer – auch dann, wenn wir uns selbst schützen müssen?
Gerade beim Kontaktabbruch zu den Eltern prallen unterschiedliche Moralvorstellungen aufeinander.
Ist Selbstschutz moralisch falsch?
Moralische Schuld entsteht nicht allein dadurch, dass ein anderer Mensch leidet. Sie setzt voraus, dass wir einem anderen Unrecht zufügen. Genau hier beginnt die eigentliche Frage: Ist es moralisch falsch, sich aus einer Beziehung zurückzuziehen, die einen selbst krank macht? Oder gehört es nicht vielmehr zur moralischen Verantwortung, auch das eigene Wohlergehen zu schützen?
Dass Eltern unter einem Kontaktabbruch leiden können, macht den Schritt deshalb nicht automatisch moralisch verwerflich. Selbstschutz bzw. Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Egoismus ist nach Außen gerichtet – Selbstfürsorge nach Innen.
Die Vorstellung, dass man sich selbst immer zugunsten anderer zurücknehmen müsse, ist keine allgemeingültige moralische Wahrheit – sondern häufig das Ergebnis erlernter Beziehungsmuster.
Unabhängig von der moralischen Frage gibt es noch einen zweiten wichtigen Aspekt: Verantwortung.
Als erwachsener Mensch trägt jeder die Verantwortung für das eigene Leben – auch unsere Eltern. Wir können ihnen diese Verantwortung nicht abnehmen. Im Umkehrschluss tragen wir aber auch nicht die Verantwortung für ihr Leben oder ihre Gefühle.
Selbstverantwortung bedeutet, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und die eigene Gesundheit ernst zu nehmen. Manchmal bedeutet das auch, Entscheidungen zu treffen, die für andere schmerzhaft sind. Dass ein anderer Mensch durch unser Handeln leidet, macht dieses Handeln jedoch nicht automatisch falsch. Vielleicht ist das der Punkt, an dem der Vorwurf des Egoismus entsteht. Doch sich selbst an erste Stelle zu setzen, wenn die eigene psychische oder körperliche Gesundheit auf dem Spiel steht, ist kein moralisches Versagen. Es ist die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben.
Egoismus ist dabei nicht per se etwas Schlechtes. Problematisch wird er erst dort, wo die eigenen Interessen rücksichtslos auf Kosten anderer durchgesetzt werden. Sich selbst zu schützen, auch wenn andere dadurch enttäuscht oder verletzt sind, gehört dagegen zu einer gesunden Selbstverantwortung.
Du bist nicht dafür verantwortlich, dass andere niemals Schmerz erleben. Du bist verantwortlich dafür, wie du mit dir selbst umgehst.
Jemanden zu verletzen ist nicht dasselbe, wie jemandem Unrecht zu tun.
Ein Kontaktabbruch kann Eltern zutiefst verletzen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass das erwachsene Kind moralisch falsch gehandelt hat. Viele Menschen setzen „jemand leidet wegen mir“ unbewusst mit „ich habe etwas Unmoralisches getan“ gleich. Genau diese Gleichsetzung hält Schuldgefühle oft aufrecht.
ABER: Verletzung ist eine mögliche Folge einer Grenze – aber nicht der Beweis dafür, dass diese Grenze falsch war. Das ist eine feine, aber sehr wichtige Unterscheidung.
Sind deine Schuldgefühle eine Folge von Parentifizierung?
Sind die Schuldgefühle vielleicht so stark ausgeprägt, weil du von klein auf gelernt hast, dass du für das Wohlergehen deiner Eltern verantwortlich bist?
Gerade Kinder, die parentifiziert wurden, kennen dieses Gefühl oft sehr gut. Sie haben schon als Kind Verantwortung übernommen, die niemals ihre Aufgabe war. Sie wurden zum emotionalen Halt, zum Tröster, Vermittler oder zur Stütze eines Elternteils. Statt selbst getragen zu werden, lernten sie früh, andere zu tragen. Daraus entsteht häufig eine tief verankerte Überzeugung: „Wenn es meiner Mutter schlecht geht, bin ich verantwortlich.“ Als Kind war diese Überzeugung ein Versuch, sich in einer schwierigen Familiensituation zurechtzufinden. Heute ist sie oft längst zu einem inneren Automatismus geworden. Deshalb fühlen sich Schuldgefühle nach einem Kontaktabbruch häufig so überzeugend an – nicht unbedingt, weil tatsächlich Schuld besteht, sondern weil ein altes Beziehungsmuster weiterwirkt. Ein altes Beziehungsmuster aus dem wir uns emanzipieren und entwachsen dürfen.
Sind wir unseren Eltern etwas schuldig – weil sie uns geboren haben?
„Ich habe so viel für dich getan. Jetzt bist du an der Reihe.“
Unsere gesellschaftliche Moral vermittelt häufig: Eltern haben uns das Leben geschenkt, uns versorgt und großgezogen. Deshalb seien wir ihnen Dankbarkeit, Loyalität und Fürsorge schuldig – ein Leben lang. Doch die Tatsache, geboren worden zu sein, begründet nicht automatisch eine grenzenlose moralische Verpflichtung, das eigene Wohl dauerhaft hinter das der Eltern zu stellen.
Schauen wir genauer hin: Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, treffen die Eltern – nicht das Kind. Sie entscheiden sich bewusst für die Elternrolle und übernehmen damit die Verantwortung, für das Wohlergehen ihres Kindes zu sorgen. Dass Eltern diese Verantwortung tragen, ist übrigens auch gesetzlich verankert (§ 1626 Abs. 1 BGB). Das Kind hingegen wird in diese Beziehung hineingeboren. Es wurde nie gefragt. Es konnte nicht zustimmen. Es hat keinen Vertrag unterschrieben.
Warum sollte aus einer Entscheidung, die ausschließlich die Eltern getroffen haben, automatisch eine lebenslange Verpflichtung des Kindes entstehen?
Ein Kind schuldet seinen Eltern nicht sein Leben. Dass Eltern Verantwortung für ihre Kinder tragen, gehört zum Wesen der Elternschaft: Es ist ihre Aufgabe – nicht eine Investition, die eines Tages zurückgezahlt werden muss.
Und noch eines: …seien wir ihnen Dankbarkeit etc. schuldig… Wie soll das gehen? Verpflichtung und Dankbarkeit schließen sich gegenseitig aus! Das bedeutet nicht, dass Dankbarkeit keinen Platz hat. Im Gegenteil. Dankbarkeit kann aus einer liebevollen und tragfähigen Beziehung entstehen. Sie ist jedoch ein freiwilliges Gefühl und kein Schuldschein. Dankbarkeit wächst aus einer Beziehung, in der wir Fürsorge, Sicherheit und Wertschätzung erfahren haben. In der wir uns gesehen, emotional gehalten und geliebt gefühlt haben. Sie kommt von Herzen und lässt sich weder einfordern noch erzwingen. Wer dankbar ist, möchte oft etwas zurückgeben – nicht aus Pflichtbewusstsein oder Schuld, sondern aus Verbundenheit.
Schuld sagt: „Du musst.“ Dankbarkeit sagt: „Ich möchte.“
Es gibt es einen Unterschied zwischen dem was du tust und dem wie deine Mutter reagiert.
Manchmal entsteht Leid nicht dadurch, dass jemand etwas Falsches tut, sondern dadurch, dass jemand seine eigenen Grenzen zu schützen. Eine Grenzsetzung ist keine Strafe. Sie ist zunächst einmal eine Entscheidung für das eigene Wohlbefinden. Die Reaktion auf deine Entscheidung liegt nicht in deiner Kontrolle und Verantwortung. Du bist verantwortlich für dein Handeln, Denken und Fühlen – ebenso ist deine Mutter verantwortlich für ihr Handeln, Denken und Fühlen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der so schwer auszuhalten ist. Dass zwei Wahrheiten gleichzeitig existieren können:
- Die Mutter leidet.
- Und trotzdem kann der Kontaktabbruch für das erwachsene Kind die gesündere Entscheidung sein.
Das eine macht das andere nicht unwahr.
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So weit von mir, bis bald – und sei gut zu dir,
Annett.
Dein Leben. Deine Grenzen. Deine Freiheit.